Noas Taube

Zu den Vögeln des Himmels die am fünften Schöpfungstag erschaffen wurden, gehören auch die Tauben.
In der Ikonographie der Liebesgöttinnen im vorderen Orient, z.B.  Ischtar, später auch Aphrodite und Venus, symbolisiert die Taube die von der Göttin ausgehende Liebe und Empfängnisbereitschaft. (Z.B. Rollsiegel )
Vermutlich sind ihr Paarungsverhalten und das Schnäbeln, das als Küssen gedeutet wurde, dafür verantwortlich. Auch ihre Ortstreue ist bemerkenswert: sie fliegen hin und her und kehren immer wieder zu ihrem Schlag zurück.
Im Hohelied sind eindeutige Anlehnungen an die Taube als Attribut der Liebesgöttin auszumachen (Hld 1,15; 2,14; 4,1; 5,2; 6,9).
Ein Anklang an diese Qualitäten ist aber auch in der Sintflutgeschichte in Gen 8 auszumachen: Gott lässt die bei der Schöpfung zurückgedämmten Wasser wieder frei und nimmt so den Land- und Lufttieren den Lebensraum. Gegen Ende der Katastrophe lässt Noah erst einen Raben frei. Dieser hat genug Kraft, um in der Luft zu bleiben, bis das Land so trocken ist, dass er landen kann. Der Erkenntnisgewinn aus diesem Versuch ist für Noah gleich null, weil er letztlich nicht weiss, wie er das Fernbleiben interpretieren soll.
Das zweite Tier, die Taube, fliegt hinaus und kehrt zurück, weil noch überall Wasser liegt. Eine Woche später fliegt sie wieder los und bringt ein frisches Olivenblatt mit. Noch eine Woche später kehrt sie nicht mehr zurück und Noah weiss, dass er sein schwimmendes Asyl verlassen kann. Dieses Ausfliegen und Zurückkommen der Taube kann als eine Art Dialog verstanden werden. Es steht zwar nicht explizit da, aber letztlich ist es ein Kommunikationsgeschehen zwischen Gott und Mensch: durch die Taube teilt Gott mit, dass die Erde wieder bewohnbar ist.
Die Taube ist also eine Art Kommunikationshelferin für nonverbale Botschaften zwischen Himmel und Erde. Und geht man ihr in der Bibel nach, dann fällt auf, dass die Botschaften immer lebensfördernd, friedensstiftend und beziehungsfördernd sind. Eine Taube bringt nie eine schlechte Nachricht. Sie ist Botin der göttlichen Liebe.
Bibelwissenschaft: Taube

Zillis Meerungeheuer

In der Kirche von St. Martin in Zillis (GR) finden sich 32 bemalte Felder, in denen sich merkwürdige Tiergestalten im Wasser tummeln. Es sind Geschöpfe Gottes. Sie tragen verschiedene Züge der vertrauten Geschöpfe und sind doch in der fremden Zusammensetzung erschreckend und beängstigend, zumal sie fast durchgängig durch Flossen und Fischschwanz als Wasserwesen erkennbar sind. Sie bilden – heute – den Rahmen für weitere 121 Bildtafeln, die die biblische Heilsgeschichte erzählen.
Diese Mischwesen symbolisieren die schreckenerregende Chaoswelt, von der die Erde umgeben und nur schwach geschützt ist. So stellten sich die Menschen zu Beginn des 12. Jahrhunderts die Welt vor: hier die sichere, heilsgetränkte Welt als Innenraum, der von Gott geschaffen und geleitet ist; dort die Urflut, die von aussen die Welt bedrängt und bedroht, bevölkert von Wesen, die «weder Fisch noch Vogel» sind. Doch die Urflut und ihre Dämonen können dann der Welt des Messias nichts mehr anhaben. Sie sind an den Rand gedrängt, zwar – noch – nicht vernichtet, aber kraftlos und entmachtet Jes 43  . Mit dieser Vorstellung gibt der Maler von Zillis der andächtigen Gemeinde die Möglichkeit, mit den eigenen Ängsten umzugehen.
St. Martin Zillis
Kirchendecke St. Martin Zillis

Jona und der Fisch

Jona, dessen Name «Täubchen» bedeutet, soll ein Profet Gottes sein. Doch er will diese Aufgabe nicht übernehmen. Das verbindet ihn mit vielen seiner grossen historischen Vorbilder. Wie Jesaja (6,5), Jeremia (1,6), Amos (7,14) und andere meint er, sich Gott entziehen zu können. «Täubchen» lässt an Noas Taube denken (Gen 8), an die einfachsten Opfergaben, die Gott gebracht werden können (Lev 5,7). Sie gilt als harmlose Liebesbotin und als Friedenssymbol und wird im Neuen Testament zu einer Gestalt, in der die Heilige Geistkraft erscheint (Mt 3,16p). Es heisst, sie sei «ohne Falsch», also aufrichtig, unverdorben und gewaltfrei (Mt 10,16 vgl Fokus Theologie AndersWorte, Schlange und Taube. Zum Download bitte einloggen.): Entspricht das unserem Bild von Jona?
Die Jona-Novelle dürfte um das Jahr 300 entstanden sein. Ein unbedeutender Heils-Profet aus dem Nordreich des 8. Jahrhunderts wird zum Protagonisten einer kleinen, höchst amüsanten und ironischen Erzählung gemacht, die sozusagen alles auf den Kopf stellt, was Tradition und gesunder Menschenverstand annehmen: statt mit Gott zu reden, wie Abraham und die Propheten es getan haben, versucht Jona in der Erzählung vor Gott zu fliehen, obwohl er von Ps 139 her schon wissen könnte, dass dieses Vorhaben unmöglich ist: Gott ist immer schon vorher da, in jedem Winkel der Welt, und Verstecken ist sinnlos.
Ein göttlich provozierter Sturm, der allen Reisenden tödlich erscheinen muss, veranlasst Jona, Farbe zu bekennen, seine – missglückte – Gottesbeziehung zu erzählen und sich als menschliches Opfer anzubieten, um Gott zu beschwichtigen. Als ob JHWH jemals  Menschenopfer akzeptiert hätte oder Freude an Opferritualen empfunden hätte! Man vergleiche nur Abrahams Prüfung (Gen 22) oder Profetenworte wie Hos 6,6 oder Jes 1,10-17. Dieser Mann spielt sich als Held auf, macht sich dadurch aber eigentlich nur lächerlich mit seiner Donquichoterie; er opfert sich nicht um Gottes willen sondern um seine eigene Ehre zu retten. Und wieder versucht Jona, sich Gott zu entziehen und das Totenreich, wo man Gott nicht loben kann, der lebendigen Konfrontation vorzuziehen.
Als Jona über Bord geht, scheint die Sache zunächst noch schlimmer zu werden: ein Meeresungeheuer verschlingt Jona. Wer rechnet auch damit, dass dieser riesige Fisch ein Bote Gottes ist: flügellos, von den Menschen eher als Dämon angesehen, tut dieses Urmonster, was Gott ihm sagt – anders als Jona. Im offenen, stürmischen Meer hätte Jona wohl nicht überleben können, doch in der Schutzhöhle des Fischbauches versorgt Gott ihn mit allem, was er zum Leben benötigt. Das Täubchen im Fisch im Meer lässt an eine Verdichtung des fünften Schöpfungstages denken.
Und da beginnt Jona zu beten und dankt Gott für seine Bewahrung: doch wieder handelt er zur Unzeit ganz irrational: woher weiss er denn schon, dass dieser Raum ihm nicht zum Grab werden wird? Woher nimmt er nun die Gewissheit, dass Gott sein Gebet erhört (2,3)? Es ist ja das erste Mal, dass Jona mit Gott redet!
Lapidar heisst es dann (2,11), dass der Fisch auf Gottes Geheiss Jona ans Trockene speuzte. In den meisten Kinderbibeln hört hier die Erzählung auf. Doch ich mag die Fortsetzung besonders gern: die Niniveniten ändern aufgrund von Jonas Drohpredigt ihren Lebenswandel, darum ändert Gott seine Absicht, Ninive zu zerstören und Jona beklagt sich, dass er nun als Profet unglaubwürdig sei, weil nicht eintritt, was er angesagt hatte (vgl Dtn 18,22: „Wenn der Prophet im Namen des HERRN etwas verkündet, und es erfüllt sich nicht und trifft nicht ein – das ist ein Wort, das der HERR nicht gesprochen hat. Der Prophet hat sich angemasst, es zu verkünden, fürchte dich nicht vor ihm.“ Oder Jer 28,9: „Der Prophet, der von Frieden weissagt – wenn das Wort des Propheten eintrifft, wird der Prophet erkannt werden, den wirklich der HERR gesandt hat.“). Manche Propheten haben Heil angesagt, obwohl Unheil in der Luft lag – doch hat sich ausser Jona schon jemals jemand über Gottes Güte und Lebenszugewandtheit beklagt?
Mt 10,16 Schlange und Taube

Taufe Jesu

Bei der Vorbereitung der SiebenWochen ist uns aufgefallen, dass in der Ikonographie zur Taufe Jesu sehr häufig der fünfte Schöpfungstag mit dargestellt wird: Fische schwimmen im Jordan und die Taube als Symbol der Heiligen Geistkraft vertritt die Gattung der Vögel. Besonders in den Ikonen der Ostkirchen finden sich oft die Vögel des Himmels und die Fische im Wasser (vgl ; Taufe Jesu; Die Taufe Christi)
Ob das ein Zufall ist? Auch alle anderen bisherigen Schöpfungstage sind gegenwärtig: Die Gestirne (4. Schöpfungstag) wie die Bäume (3. Schöpfungstag) sind dargestellt. Der umgekehrte Regenbogen scheidet die Gewässer (2. Schöpfungstag). Johannes der Täufer steht mit den Füssen im hellen Lebenswasser, das von Fischen bewohnt wird. Darunter liegt in der Tiefe der dunkle personifizierte Jordan – durch eine Algenschicht vom belebten Wasser getrennt.
Der Täufling Jesus verbindet die unterschiedenen Wasser und wird über die Geist-Taube mit dem Himmelsgewölbe verbunden. Vor dem nachtdunklen Hintergrund schwebt hellstrahlend Gottes Geist – wie am ersten Schöpfungstag.
Mit der Taufe Jesu erfüllt sich also – mindestens für die Künstler – das gute Schöpfungswerk Gottes noch einmal neu.

Mond

Moonrise
Der Mond ist aufgegangen RG 599

Eines der beliebtesten Abend- und Kirchenlieder der christlichen Tradition ist wohl das Lied von Matthias Claudius, der es 1779 dichtete. Ausgehend von einer stimmungsvollen Mondbetrachtung entwickelt sich ein Welt- und Menschenbild, das von geradezu romantischer Rührung geprägt ist und Lebensfreude mit der Endlichkeit des Daseins verbindet.
In den ersten 4 Strophen fehlt jeder Hinweis auf Gott; dafür wird ein Weltbild entworfen das – ganz im Unterschied zur Aufklärung – die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit als begrenzt akzeptiert. Dem hält das Lied einzig die Gotteserkenntnis entgegen (Strophe 5), die geradezu zu einer Todespoesie (Strophen 6+7) führt und Schlaf und Tod aufs Engste zusammendenkt.
Matthias Claudius (15. August 1740 – 21. Januar 1815) stand – trotz seiner Mitgliedschaft in verschiedenen Freimaurerlogen – in kritischer Distanz zur Aufklärung und vertrat eher konservative Inhalte. All dies klingt in seinem Abendlied an: eine Naturfrömmigkeit, die sich Gott besonders in und durch die Natur nahe fühlt; eine Empfindsamkeit, die sich mit der persönlichen Befindlichkeit befasst und diese zu ergründen sucht und damit in die Nähe moderner Selbstreflexion rückt, sowie die ethische Gewichtung des «Nächsten»,  der ebenso wichtig genommen wird, wie die eigene Person.
Das Lied berührt und kann unter die Haut gehen; vielleicht vor allem wegen der Melodie oder auch wegen der Stimmungsbilder, die viele Menschen von Kindheit an als Abendlied begleitet haben. Vielleicht jedoch auch wegen des Welt- und Menschenbildes, das hier entworfen wird und unterschiedliche Perspektiven eröffnet. Womöglich ist das der Grund dafür, dass dieses Lied so häufig persifliert und parodiert worden ist?
Abendlied (Matthias Claudius)
Diskussion Variationen Abendlied

 

 

Sterndeuter

Der Stern von Bethlehem ist ein seltsamer Stern –  er geht irgendwo im Osten auf, wandert vor den Sternguckern aus dem Orient her nach Westen und bleibt über Bethlehem stehen. Astronomisch ist dieses Wunderding um die Geburt Jesus herum nicht bezeugt –  allenfalls kann man spekulieren, ob die eine oder andere Sternenkonstellation damals besonders hell leuchtete.
Den Sterndeutern wird nicht unterstellt, dass sie das Phänomen astrologisch gedeutet hätten. Die Weihnachtsgeschichte nach Matthäus erklärt das Phänomen ausschliesslich mit Schrifttexten. Zum Beispiel: „Und du, Betlehem, Land Juda, bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der mein Volk Israel weiden wird.“ (Mt 2,6; vgl. Micha 5,1)
Unterstellen wir Matthäus mal, dass er in der hebräischen Bibel gut zuhause war. Hat er dem Stern absichtlich Züge der Wolken- und Feuersäule, die vor dem Volk Israel in der Wüste her ging, gegeben?
Diese sichtbare Gottespräsenz ging nach dem Auszug aus Ägypten vor dem Volk her und blieb stehen, wenn gelagert werden sollte. Aus dieser Säule heraus redete Gott mit Mose von Angesicht zu Angesicht: „Und wenn Mose in das Zelt hineinging, kam die Wolkensäule herab und blieb am Eingang des Zelts stehen; und er redete mit Mose… Der HERR aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mensch mit einem anderen redet.“ Ex 33,9.11
Beim Stern von Bethlehem lesen wir nichts von einer vergleichbaren Gottespräsenz, aber mit Hilfe des Himmelskörpers führt Gott die Männer aus dem Osten zu einem Kind in der Krippe. In diesem kleinen Mensch ist Gott in der Welt gegenwärtig. Er heisst Immanuel, Gott mit uns. Damit legt Matthäus die theologische Grundlage für sein ganzes Evangelium: In Jesus spricht Gott mit allen Menschen von Angesicht zu Angesicht. Gott selbst führt sogar die Völker zu dieser Erfahrung.
Wenn Jesus am Ende des Evangeliums seine Jüngerinnen und Jünger nach Galiläa, zum Ursprungsort seines Wirkens, schickt, will er damit sagen, dass in seiner Nachfolge jeder Mensch diese Gottespräsenz in diese Welt hineinträgt. Sie ist nicht auf ihn beschränkt. Gott ist in mir wie in jedem meiner Mitmenschen gleich gegenwärtig.

Lesetipps:
Die Weihnachtsgeschichte nach Matthäus
Gotteserscheinungen in der Bibel
Sterne, Sternbilder, Sterndeutung

Heliozentrik

Die Erde ist eine Kugel mit abgeflachten  Polen und kreist um die Sonne. Was bereits die hellenistischen Gelehrten Aristarchos von Samos und Seleukos von Seleukia wussten, bestätigten Kopernikus, Kepler und Newton. Eine schwere Kränkung für die Menschheit, die den Planet Erde gern als Zentrum des Universums verstanden hätte. Damit, dass die Erde nicht mehr Mittelpunkt des Universums ist, verliert der Mensch seine Identität als Zentrum des Universums, als Höhepunkt und Ziel der Schöpfung. Auf dem Spiel stand letztlich das Gottesbild – ist der Mensch als Abbild Gottes nicht mehr Mittelpunkt, ist es dann Gott noch?
Doch man gewöhnte sich an den – ebenfalls schönen – Gedanken, die Sonne sei der Mittelpunkt des Seins. Wurde die Sonne nicht in vielen Kulturen als Gottheit verehrt, als heilige Lebenskraft? Bis heute nennen wir den ersten Wochentag «Sonntag» und in Norddeutschland wird sogar der letzte Wochentag als Sonnabend – als Vorabend zum Sonnentag – bezeichnet.
Jüdisch-christlichen Weltbild ist die Sonne ebenso ein Geschöpf Gottes, wie der Rest der Schöpfung. Der Zusammenhang zwischen dem – wöchentlich gefeierten – Tag der Auferstehung und dem Namen «Sonntag» mag einerseits aus hellenistisch-römischer Zeit stammen und verweist andererseits auf den frühchristlichen Brauch, sich in Anlehnung an Mk 16,2 am Auferstehungstag vor Sonnenaufgang zum Gottesdienst zu versammeln. Die Auferstehung Jesu Christi wurde als erster Tag der Neuschöpfung verstanden. So konnten bestehende vorchristliche und neue christliche Vorstellungen mit einander verbunden werden und die Sonne konnte als Symbol für Christus gelten (zB. 2.Kor 4,3-6), wobei biblisch die ausdrückliche Identifikation vermieden wird (zB. ist in Joh 1 ganz allgemein vom „Licht“, nicht jedoch von der „Sonne“ die Rede!). Die Sonne als Mittelpunkt der Welt war zwar ein schwierig zu fassender, jedoch einleuchtender Gedanke.
Doch die Kränkung ging weiter. Unterdessen entdeckten die Astronomen, dass die Sonne nur ein unbedeutender Stern am Rande der Milchstrasse ist, diese wiederum durchaus nicht das Zentrum des Weltalls bildet, und es überhaupt fragwürdig ist, ob das Weltall einen Mittelpunkt hat, der als Referenzpunkt gelten könnte.
Ein ebenbürtiger Ersatz für die Vorstellung, dass die Sonne das Zentrum des Universums sei, konnte bis heute nicht gefunden werden. Aber ist ein solcher denn überhaupt nötig? Brauchen wir ein Bild für Gott als Mittelpunkt der Welt, um den sich die gesamte Schöpfung, dreht?
Trotzdem mag ich das Bild als Bild. Die Schöpfung ist in dieser Vorstellung auf Gott als Zentrum ausgerichtet. Er bleibt mitten in der Schöpfung drin und ist mit all seinen Geschöpfen in Beziehung. Gott als Mitte des Lebens, auf die sich die ganze Schöpfung bezieht, lässt Gott „zur Welt kommen“. Was eine ganz unvergleichliche Erkenntnis ist.

Blick ins All

Psalm 92,5 Denn du hast mich erfreut, HERR, durch dein Walten, über die Werke deiner Hände juble ich. 6 Wie gross sind deine Werke, HERR, wie tief deine Gedanken!

Staunen gehört zu einer lebendigen Spiritualität wie Beten, sorgfältiger Umgang mit Ressourcen und Nächstenliebe. Wer staunt, hat wie der Psalmbeter etwas entdeckt, das die Erwartungen übersteigt. Im Staunen werden die Augen offen für die Unendlichkeit und das Unerklärliche. Dorothee Sölle sieht darin sogar den Ausgangspunkt einer für einen spirituellen Weg. „Staunen heisst, wie Gott nach dem sechsten Tag die Welt wahrnehmen und neu zum erstenmal sagen können: ‚Und siehe, es war alles sehr gut‘!“ (Mystik und Widerstand, S. 124)
Staunen befreit von Gewohnheiten, Sichtweisen und Überzeugungen, die Menschen wie ein Schutzschild gegen Berührtwerden unempfindlich machen. „Dass wir ein Berührtwerden vom Geist brauchen, dass ohne Staunen, ohne Begeisterung nichts Neues beginnen kann, scheint vergessen.“ (S. 125)
Staunen ist letztlich unabhängig vom Gegenstand. Alles kann Anlass zum Staunen geben. Weil es aber manchmal auch gut ist, sich in eine staunende Haltung einzuüben, empfehlen wir einen Blick ins All zu tun: Hubble: Die schönsten Bilder aus 22 Jahren
Literatur: Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand. „Du stilles Geschrei“, Hamburg 1997.

Blicke auf zum Himmel und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst (Gen 15)

Genesis 15,1 Nach diesen Begebenheiten erging das Wort des HERRN an Abram in einer Schauung: Fürchte dich nicht, Abram, ich bin dein Schild. Dein Lohn wird sehr gross sein.
2 Abram aber sprach: Herr, HERR, was willst du mir geben, da ich kinderlos dahingehe und Elieser aus Damaskus Erbe meines Hauses wird?
3 Und Abram sprach: Du hast mir keinen Nachkommen gegeben; so wird mein Haussklave mich beerben.
4 Aber sieh, es erging an ihn das Wort des HERRN: Nicht dieser wird dich beerben, sondern dein leiblicher Sohn, er wird dein Erbe sein.
5 Und er führte ihn nach draussen und sprach: Blicke auf zum Himmel und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sprach zu ihm: So werden deine Nachkommen sein.
6 Und er glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm als Gerechtigkeit an.

Blicke auf zum Himmel und zähle die Sterne, wenn du sie zählen kannst. (Gen 15,5)
Natürlich kann Abraham die Sterne nicht zählen. Es steht ihm auch nicht zu. Das „Zählen“ drückt  in der hebräischen Bibel göttliche Souveränität aus und ist Gott vorbehalten: „Er bestimmt den Sternen die Zahl, ruft sie alle mit Namen. Gross ist unser Herr und reich an Kraft, unermesslich ist seine Weisheit.“ (Ps. 147,4-5)
Im Gespräch mit Abraham fährt Gott weiter und sagt: „So werden deine Nachkommen sein.“ Meistens wird dies direkt auf die Anzahl der Nachkommen gedeutet: Das Wort „zahlreich“ wird gestützt durch andere Bibelstellen mitgedacht oder sogar in die Übersetzung eingefügt. „So zahlreich werden deine Nachkommen sein.“
Es stellt sich allerdings die Frage, warum dieser so verstandene Dialog bei Abraham den Glauben an Gott nährt. So ganz einleuchtend ist es ja nicht, dass die Verheissung vieler Nachkommen einfacher zu glauben ist als die Verheissung eines einzigen Sohnes.
Vielleicht ist deshalb ein anderer Bibelvers ebenfalls in Gedanken mitzulesen. Literaturgeschichtlich stammt er aus der gleichen Zeit wie die Abrahamerzählung:
„Mit wem wollt ihr mich vergleichen? Wem sollte ich ähnlich sein?, spricht der Heilige. Hebt eure Augen in die Höhe, und seht: Wer hat die (Sterne) dort oben erschaffen? Er ist es, der ihr Heer täglich zählt und heraufführt, der sie alle beim Namen ruft. Vor dem Allgewaltigen und Mächtigen wagt keiner zu fehlen.“ (Jes 40,26)
Dann wäre die Spitze des Zählauftrages an Abraham nicht, ihm die zahlreichen Nachkommen vor Augen zu führen, sondern sein Gottesbild zu revidieren: Gott gibt Sicherheit im Leben, weil er die Himmelsgesetze garantiert. Er ist so unendlich vertrauenswürdig wie das Weltall.

Zum Thema Sterne in der Bibel vgl. Bibelwissenschaften.de

Sterne am Nachthimmel

„Vo da us chan ich d’Stärn gseh!“ Heimwehkrank stand das Maitli aus den Bergen auf meiner Terrasse und erinnerte mich an Johanna Spyris Heidi. Zum Glück schien der Mond an diesem Abend nicht so hell, dass er den Sternen hätte die Schau stehlen können. So stand sie da, den Kopf weit in den Nacken gelegt, atmete den Sternenstaub. Den echten; nicht das Glitzerzeug aus den Spielzeugläden, sondern den Duft des Nachthimmels. Dankbar, dass dieser auch mitten in der Stadt zu entdecken ist, wenn man nur weit genug nach oben geht. Weisst du, wieviel Sternlein stehen? Bei aller Dankbarkeit für den Blick auf die Sterne: hier lassen sie sich noch leicht zählen. Nur jene mit der stärksten Leuchtkraft können bis zum blossen Auge vordringen. Aber immerhin!
Für die Lehre war das Bündner Bergmädchen in die Grossstadt gekommen und ihr fehlte alles, was bis dahin ihr Leben gewesen war. Doch am meisten fehlten ihr die Sterne. Lichtverschmutzung, Staubpartikel und Smog verstellen in den Städten den Blick auf die ungezählten Leuchtpunkte am Himmel – und damit auch das Bewusstsein für das eigene Dasein: wie klein ich bin – und doch: wie erfüllt von der Erhabenheit, die dem menschlichen Auge da entgegenstrahlt…