Feuerfest

20170711 Bild Feuerfest

Aus: „Geistes – Gegenwart. Leitfaden für Gruppenleiter“ Löwensteiner Materialdienst; ebv-rissen, Oktober 1985, S. 61

Ob die Kirche wohl wirklich so ist: ein paar Männer, nur mit der Bibel ausgestattet, unter einer feuerfesten Glasglocke, immun und gut geschützt gegen alle Feuerzungen des Geistes, die am faradayischen Käfig abprallen?

Ich traue der Heiligen Geistkraft zu, sogar durch feuerfeste Glasglocken hindurch Menschen in Bewegung zu bringen.

Wie Feuerzungen …

Gottes Geistkraft wird in der Pfingsterzählung mit einem merkwürdigen Bild beschrieben:

Apg 2,2 Da entstand auf einmal vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sassen; 3 und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jeden von ihnen liess eine sich nieder. 4 Und sie wurden alle erfüllt von heiligem Geist und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie der Geist es ihnen eingab.

https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/zuercher-bibel/bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/54/20001/29999/

Auf alten Kunstgemälden sieht man gelegentlich auf jedem Kopf der Jüngerinnen und Jünger eine kleine Flamme, – mehr einem Streichholzflämmchen ähnelnd als diesen „Zungen wie von Feuer“, die beweglich und lebendig die Menschen ergreifen, „anzünden“ und auflodern lassen, die sich an einem entflammbaren Objekt emporzüngeln, es umschliessen, es ertasten und „lecken“…

Was die schaurige Faszination von Feuer ausmacht, gilt gerade auch für diese Pfingstzungen wie von Feuer: sie nehmen ein – und doch verbrennen sie ihr Objekt nicht, sondern ermächtigen zum menschlichen Subjektsein. Was so abstrus klingt, ist wie ein amuse gueule auf Gottes Wirklichkeit.

 

Gottesbegegnung

Ex 3,2 Da erschien ihm der Bote des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus dem Dornbusch. Und er sah hin, und sieh, der Dornbusch stand in Flammen, aber der Dornbusch wurde nicht verzehrt. […] 14 Da sprach Gott zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und er sprach: So sollst du zu den Israeliten sprechen: Ich-werde-sein hat mich zu euch gesandt. https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/zuercher-bibel/bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/2/30001/39999/

Ein brennender Strauch, der nicht verbrennt! Schon als Kind liebte ich dieses Wunder besonders und stellte mir dabei die Kartoffelfeuer vor, die – ich Stadtkind! – als einzige Vorbilder hatte: die schwelten und stanken, waren wunderbar spätsommerlich und mit meinem heimlichen Wunsch verbunden, sie mögen doch nie verlöschen. So weiss ich auch nicht, was zuerst war: die Geschichte von Gottes Dornbusch oder meine eigene Erfahrung mit dem jährlichen Kartoffelfeuer. Aber eins war mir klar – und ist es irgendwie bis heute geblieben: Gott und Feuer gehören zusammen, heimelig und unheimlich, grandios und behutsam, versengend und ermächtigend. Und auch Daniel im Feuerofen  https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/zuercher-bibel/bibeltext/bibel/text/lesen/stelle/27/30001/39999/ gehörte zu diesem Kinderwissen dazu: mit dem Feuer, das nicht verbrennt aber befeuert, weckt und animiert, beginnt das Pfingstfest noch heute für mich.

Was brauchen wir wirklich?

„In einer Welt so vieler Veränderungen und Krisen, so vieler Herausforderungen, aber auch so vieler Chancen für die Zukunft brauchen wir mehr als nur Lehren und Ideologien. Wir brauchen Geist.“  Jan Sobrino SJ (Befreiungstheologe, lebt in El Salvador)

Dieser Gedanke lässt mehr offen, als er erklärt – es nimmt uns niemand die Arbeit ab, kreative Lösungen für die neuen Probleme der Welt zu suchen. Sicher ist nur: Das Überlieferte reicht angesichts der vielen neuen Entwicklungen nicht mehr aus. Mit dem Geist, dessen Markenzeichen die Kreativität ist, haben wir aber viel Rückenwind beim Finden von neuen Wegen.

Bekennen

In der Bibel finden sich prägnante Vorbilder für das Bekennen:

  • Eine wichtige Begegnung, die von Matthäus (Mt 16,13-16), Markus (Mk 8,27-29) und Lukas (Lk 9,18-20) überliefert wird, erzählt von Petrus, der in gewohnt vollmundiger Weise auf die Frage, für wen die Jüngerinnen und Jünger Jesus halten, antworten kann: „Du bist der Christus[…]“. Damit wird Petrus traditionell zum Vorbild des Glaubens und der Textabschnitt wird überschrieben als „Bekenntnis des Petrus“
  • Dass Martha, eine Freundin von Jesus, das gleiche Bekenntnis ausspricht, ist viel weniger bekannt – und warum hat die kirchliche Tradition sie nicht ebenso zum Vorbild des Glaubens erhoben? Dieser Textabschnitt ist überschrieben mit „Auferweckung des Lazarus“, wodurch das wichtige Bekenntnis der Martha unsichtbar wird: „Ja, Herr, jetzt glaube ich, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.“ (Joh 11,27)
  • Im Apostolischen Credo (https://www.ekd.de/Apostolisches-Glaubensbekenntnis-10790.htm) sind Menschen eingeladen, in einen uralten, weit verbreiteten Bekenntnistext einzustimmen, der sicher einer je persönlichen und aktuellen Auseinandersetzung und Auslegung bedarf. Gerade darin kann aber Verbindendes liegen, dass alle den selben Text sprechen und ihn für sich selbst mit Be-Deutung und Sinn füllen.

Credo

Ist es nicht überraschend, wofür der Name „Credo“ (auf deutsch: „ich glaube“ bzw „ich bekenne“) stehen kann?

Für Möbelstoff und Hornhauthobel, Velos und Fungizide, für HiFi-Geräte und das Kundenmagazin einer Bank … diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, gibt aber zu denken: Was wird da geglaubt? Wozu bekennen sich Firmen mit einem solchen Namen? Und was verbinden reformierte Kirchen mit dem Credo?

 

Jesus bekennt sich zu seinen Verwandten

In Lukas 8, 19-21 wird eine kleine Gegebenheit erzählt, nach der Maria, die Mutter Jesu, und seine Geschwister gerne Jesus sehen würden, aber wegen der Menschenmenge in der hinteren Reihe stecken bleiben:

Es kamen aber seine Mutter und seine Geschwister zu ihm, doch konnten sie wegen des Gedränges nicht zu ihm gelangen. Da wurde ihm gesagt: Deine Mutter und deine Geschwister stehen draussen und wollen dich sehen. Er aber antwortete ihnen: Meine Mutter und meine Brüder und Schwestern, das sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln.

Meist wird aus diesem Text ohne viel zu denken der Schluss gezogen, dass die leiblichen Verwandten Jesu nicht zu den wahren Verwandten gehören. Dies obwohl Maria in den Evangelien ihren Sohn unterstützt, wo sie nur kann. Schon vor der Geburt Jesu hat sie Gottes Wort gehört und eingewilligt, dass es an ihr geschehe, und sie jubelte über die Grösse Gottes, die sich in diesem Kind zeigen werde. Und der Bruder Jakobus war nach Jeus Tod eine tragende Figur in Jerusalem – das wäre nicht geschehen, wäre er nicht schon zu Jesu Lebzeiten mehr als ein leiblicher Bruder gewesen.

Jesus grenzt sich mit der Aussage über die wahre Verwandtschaft nicht von seiner Herkunftsfamilie ab. Vielleicht hat es auf Aramäisch auch ganz anders geklungen, weil es in dieser Sprache das Verb „sein“ im Präsens nicht gibt: „Dies – meine Mutter und meine Brüder. Die das Wort hören und danach handeln.“ Also übertragen: Nehmt sie euch zum Vorbild. Zur Familie Jesu gehören alle, welche das Wort mit rechtem und gutem Herzen gehört haben, es bewahren und Frucht bringen in Geduld. (Lk 8,15) Grossfamilie plus sozusagen.